Kinderbetreuung:

Im Gespräch mit Michael Richter vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen
Quelle: mdr Sachsen



Wieviele neue Erzieher braucht Sachsen pro Jahr?

Sachsens Schulen haben ein Lehrerproblem. Auch die Kitas kämpfen um Erziehernachwuchs. Viele Auszubildende würden nach der Lehre in andere Bundesländer gehen, sagt Michael Richter. Er ist der Landesgeschäftsführer des Paritätischen Sachsens und erklärt, was seiner Ansicht nach getan werden müsste, um die Kinder-Betreuung in Zukunft zu gewährleisten.

Können Sie die Betreuung in Ihren Einrichtungen noch sicherstellen?

Die Betreuung in den Einrichtungen wird auf jeden Fall sichergestellt, aber der Druck im Kessel ist extrem hoch. Allein auf unserer Seite sind dutzende Stellen im Erzieher- oder Sozialpädagogenbereich ausgeschrieben. Also drohender Fachkräftemangel… Das kann ich nicht bestätigen. Wir haben jetzt schon Fachkräftemangel, sogar Arbeitskräftemangel. Große Schwierigkeiten gibt es, wenn neue Kitas entstehen, gerade in Dresden und Leipzig, wo die Geburtenzahlen erfreulicherweise sehr hoch sind. Da ist der Druck nicht nur in dem vorhandenen System da, sondern durch den Zuwachs noch erhöht.

Ist das eine Beobachtung, die Sie nur in den Ballungsräumen wie Dresden und Leipzig machen oder gilt das für ganz Sachsen?

Es gilt in den Ballungsräumen sicherlich verstärkt. Wir haben aber in allen Bereichen andere Schwierigkeiten, als die, die wir noch vor einigen Jahren hatten. Auch in den ländlichen Räumen müssen die Träger mit einem viel höheren Aufwand als früher langfristig planen. Fragen wie 'Wann geht die Kollegin in den Ruhestand?' oder 'Wer bekommt bald eigene Kinder?' müssen geklärt werden. Man bindet heute auch Freiwillige und Praktikanten ganz anders ein und probiert diese für sich zu gewinnen.

Das klingt nach einer Notlösung…

Nicht unbedingt. Man muss einfach schauen, dass man junge Leute für die Zukunft gewinnt und sie für den Beruf begeistert. Nicht, dass man sie als Arbeitskräfte bindet, sondern, dass man beispielsweise verspricht, nach einer Ausbildung wieder als Arbeitgeber zur Verfügung zu stehen. Das war früher nicht der Fall. Da war das Arbeitskräfteangebot ein anderes. Und wir konkurrieren ja nicht nur im sozialen Bereich untereinander, sondern junge Menschen können heutzutage alle möglichen Berufe erlernen. Da muss man schauen, dass man sich entsprechend streckt. Schätzungen zufolge benötigt allein Sachsen jedes Jahr rund 2.000 neue Erzieher, um die Lücken zu schließen.

Woher sollen die alle kommen?

Ich bin sogar skeptisch, ob 2.000 ausreichen. Gerade in Hinblick auf die Ballungsräume kann man davon ausgehen, dass man noch mehr bräuchte. Und was auch noch hinzukommt, ist, dass Erzieherinnen und Erzieher nicht nur in die Kita gehen. Wir bilden ja auch für die Jugendhilfe aus. Außerdem sind wir von Bundesländern umgeben, die teilweise attraktivere Arbeitsbedingungen haben. Dorthin verlieren wir nach wie vor Fachkräfte.

Das heißt Sachsen bildet zwar aus, aber die Ausgebildeten verlassen dann den Freistaat?

Da müssen wir uns auf Beobachtungen und Berichte verlassen. Wir haben dazu leider keine validen Zahlen, wo man in einer Art Nachbetrachtung den Verbleib der jungen Menschen erfragt hat. Aber Berichte von Mitarbeitern der Einrichtungen bestätigen das. Sie erzählen von Praktikanten und Azubis, die dort für eine bestimmte Zeit arbeiten, aber im Anschluss nach Bayern oder Schleswig-Holstein gehen. Oder sogar nach Thüringen oder Sachsen-Anhalt, weil dort die Finanzierung bzw. die Arbeitsbedingungen angenehmer sind.

Was schlagen Sie kurzfristig vor, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Wir müssen weiter an dem sogeannnten Betreuungsschlüssel dranbleiben. Wir haben natürlich in Sachsen eine tolle Situation, das muss man fairerweise sagen. Im bundesweiten Vergleich können hier viel mehr Kinder eine Kita oder eine Tagesmutter besuchen. Aber gleichzeitig betreut hier ein Erzieher oder eine Erzieherin allein viel zu viele Kinder. Wenn wir das anpassen, dann ist der Fachkräftebedarf noch höher, weil wir dann nicht nur den status quo halten, sondern auch die Qualität verbessern. Das müssen wir aber tun. Wir müssen da weiter dranbleiben, damit die Arbeitsbedingungen attraktiv sind und wir müssen da auch über den Zugang sprechen. Im Moment ist die Erzieherinnenausbildung fast sowas wie eine Hochschulausbildung, weil die Kolleginnen fünf Jahre die Schulbank drücken müssen ehe sie mal ans Kind rangelassen werden. Die Qualität muss gehalten werden, aber wir müssen die Zugänge erleichtern. Wir müssen Vorerfahrungen anerkennen, wie müssen Weiterbildungen anders anerkennen, damit wir auch den Quereinstieg ermöglichen von Menschen, die zum Beispiel ein Handwerk nicht mehr ausüben wollen. Da gibt es viele Hebel und nicht den einzigen goldenen Weg. Aber diese Hebel müssen wir alle anpacken.
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